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Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung

Die 1930 von der Gruppe Internationaler Kommunisten (Holland) als Reaktion auf die negative Entwicklung der russischen Revolution veröffentlichen »Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung« sind ein Klassiker der marxistischen Literatur. Mit dieser Schrift stellten die Autoren erstmalig die ökonomischen Grundlagen für den Aufbau und die Organisation einer Gesellschaft im Sinne der »Vereinigung freier und gleicher Menschen« zur Debatte. Dabei berücksichtigten sie zugleich alle gesammelten Erfahrungen der bisherigen Versuche der Arbeiterbewegung, um über die Kritik derselben notwendige neue Wege aufzeigen zu können. Eine Kritik die bis zum heutigen Tag nichts von ihrer ursprünglichen Aktualität verloren hat.

Das erste Manuskript der »Grundprinzipien« schrieb der der revolutionäre Arbeiter Jan Appel 1923 während einer zweijährigen Gefängnisstrafe.

Appel war einer der Hauptpropagandisten der Allgemeinen Arbeiter Union Deutschlands (AAUD) und Gründungsmitglied der KAPD, als dessen Delegierter am 2. Kongress der III. Kommunistischen Internationale 1920 in Moskau teilnahm. Um von Hamburg über Murmansk zum Kongress zu gelangen entführte Appel zusammen mit einigen Genossen das Fischerboot Senator Schröder. In Moskau angekommen wurde Appel ein kurzes Treffen mit Lenin gewährt, um die Position der KAPD zu präsentieren. Lenin lehnte die Position der KAPD ab. Laut Appel tat er das, indem er Ausschnitte aus dem noch unveröffentlichten Manuskript »Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus« vorlas. (1)

Drei Jahre später wurde Appel in Deutschland wegen Aufruhr verhaftet und im Zusammenhang mit der Schiffsentführung zu Gefängnis verurteilt. Es kam die Zeit des Nachdenkens über den innerer Streit in der kommunistischen Bewegung. In seinen autobiographischen Notizen schrieb Appel hierzu:

»Die Erkenntnis, dass die russische Revolution zum Staatskommunismus oder besser zum Staatskapitalismus führt, war damals noch neu. … Und neu war auch, den Blick zu richten auf den Kern der Befreiung der Arbeiter aus der Lohnknechtschaft, auf die Übernahme der Betriebe durch die Betriebsorganisationen, um dann von hier aus die gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit als Maßstab für die Berechnung und Distribution aller geschaffenen Güter einzuführen. Nur so kann dem Geld und allen Werten die Möglichkeit, um als Kapital aufzutreten, genommen werden, als Kapital die Menschen in seinen Dienst zu nehmen und sie auszubeuten.«(2)

Ende 1925 kam Jan Appel im Zuge einer Generalamnestie frei und emigrierte um die Jahreswende in die Niederlande, da für ihn die Situation in Deutschland politisch zu gefährlich war. Er nahm auf einer Werft in Zaandam eine Arbeit an und kontaktierte Henk Canne Meijer, den er nicht persönlich kannte, dessen Adresse ihm aber von Genossen gegeben wurde. Canne Meijer gehörte wie Appel zu denen, die zunächst die russische Revolution bejubelten. Im Zuge der weiteren Entwicklung schloss er sich aber schnell der in Deutschland u.a. von Otto Rühle sowie in Holland von Anton Pannekoek und Herman Gorter vertretenen Kritik am Parteikommunismus der Bolschewiki an, um demgegenüber den selbständigen Kampf der Arbeiter mittels Arbeiterräte zu propagieren. Wahrscheinlich formierte sich die Gruppe Internationaler Kommunisten über die Diskussionen um die von Appel vorgestellten Notizen zu den Grundprinzipien. Appel fand in Canne Meijer einen Unterstützer, der letztlich an der weiteren Ausformulierung des Textes großen Anteil hatte.

Die Erstausgabe der »Grundprinzipien« wurde 1930 in deutscher Sprache herausgegeben im Verlag der revolutionären Betriebsorganisationen, organisiert in der Allgemeinen Arbeiter Union Deutschlands. Sie wurde beschlagnahmt und vernichtet.

Eine kurze Zusammenfassung des Buches erschien in deutscher Sprache in Kampfsignal und in englischer Sprache in Council Correspondence. »Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten«, schreibt die GIK im Vorwort zur 2. Holländischen Auflage, »war es uns nicht möglich, eine niederländische Ausgabe in gewöhnlicher Buchform herauszugeben. Daher haben wir auf eine weniger verbreitete Veröffentlichungsmethode zurückgegriffen, nämlich die teilweise Veröffentlichung als Anhang zum »Persmateriaal van de Internationale Communisten« (P.I.C.). Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht, indem wir das gesamte Manuskript durchgesehen haben, so dass diese Ausgabe nicht mit der deutschen identisch ist. Inhaltlich wurden keine wesentlichen Änderungen vorgenommen, aber die Gliederung und verschiedene Formulierungen wurden geändert und, wie wir glauben, verbessert.«(3)

Während der Text der deutschen Erstausgabe 1970 nachgedruckt und auch in die englische und französische Sprache übersetzt wurde, verblieb die vollständig überarbeitete und verbesserte zweite Auflage die folgenden 85 Jahre weitgehend unbeachtet in niederländi-scher Sprache verborgen. Mit der seit Anfang 2020 vorliegenden Übersetzung der zweiten Auflage in die deutsche und englische Sprache ist dieser Klassiker der marxistischen Literatur erstmalig für einen größeren Leserkreis verfügbar.

Red & Black Books 2020, ISBN: 978-3-9822065-4-7

339 Seiten, 13,90 €

(1) Jan Appels autobiographische Aufzeichnungen in: IISG, Collectie Nederland, kleine archieven en losse stukken – APPEL, JAN: 90 Typoscript van autobiografische schets van Jan Appel, die in 1926 vanuit Duitsland naar Nederland kwam. Z.j. 1 stuk. Es handelt sich um 10 Schreibmaschinenseiten ohne Überschrift in deutscher Sprache. Zitiert nach: https://muckracker.wordpress.com/geschichte/jan-appel/

(2) ebenda

(3) Gruppe Internationaler Kommunisten, Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung, Red & Black Books, Hamburg 2020